Sitzplatz hinter dem Haus

Hüs üf der Flüe – Historisches Ferienhaus im Schweizer Kanton Wallis

Sie führe in ihrem Kopf ein „virtuelles Immobilienportfolio" sagt die Zürcher Kunsthistorikerin Diana Pavlicek über sich selbst. Im Walliser Bergdorf Ernen hat sie sich mit dem „Hüs üf der Flüe" ein eigenes historisches Refugium geschaffen. Sie nutzt es zum Wohnen, nicht als Museum. Und da sie nicht immer da sein kann, können die Ferienwohnungen im geschützten Baudenkmal von ihr gemietet werden. Traumziel für Individualisten.

Wer kauft sich freiwillig ein Haus mit schiefen Wänden und Böden, in dem es einen einzigen Kaltwasserhahn gibt und das auf einer Seite, weil dort die Sonne ihre Energie auf die Statik am kräftigsten wirken lässt, immer weiter absinkt?  – Diana Pavlicek hat diesen Mut. Schon 2015 kauft sie das Grundstück, 2016 lässt sie das Gebäude restaurieren. Wer heute in einer der beiden Ferienwohnungen am Küchentisch sitzt und auf Berggipfel oder die Rhone im Tal, die hier Rotten genannt wird, schaut, ist ihr aus tiefster Seele dankbar. Das „Hüs üf der Flüe“ im Walliser Bergdorf Ernen ist ein echter Sehnsuchtsort.

Hüs üf der Flüe
Ausstattung
Empfehlung
Auch auf
Ferienwohnungen Munts & Pavlicek
Ernen
Wallis / Schweiz
Diana Pavlicek
→ munts-pavlicek.ch
2 Ferienwohnungen, ganzjährig
Wohnküche, Wohnzimmer, Schlafkammer und Schlafzimmer, Sitzplatz im Garten
Wohnung UG mit Giltsteinofen, Wohnung OG mit Badewanne
W-LAN, Nespresso-Kaffeemaschine, Bluetooth-Lautsprecher
Familien, Paare, Architekturliebhaber, Wanderer, Skifahrer
Urlaubsarchitektur – Ferienziele für Liebhaber außergewöhnlicher Architektur

Ernen im Wallis - Bezirk Goms
Ernen im Wallis – Bezirk Goms – In der Mitte sieht man ein mit hellem Holz getäfeltes Haus. Das ist das Hüs üf der Flüe.

Musikdorf Ernen

Umgeben von markanten Gipfeln, den Alpenpässen Albrun, Griess, Furka und Griemsel liegt Ernen auf der linken Talseite des Goms. Das Dorf gehört zum Landschaftspark Binntal und hat sich als Austragungsort eines sommerlichen Musikfestivals mit internationalen Künstlern etabliert. Vielfach ist die Bezeichnung Musikdorf Ernen zu lesen. Aber auch der hohe Anteil an historischer Bausubstanz macht den Ort besonders anziehend. Der Marktplatz, auf dem die Postbusse halten und der zeitweise das Gefühl vermittelt, hier wäre die Zeit einfach stehen geblieben, gehört zu einem der schönsten und best erhaltenen Ortskernen in der Schweiz. Maßgeblich verantwortlich dafür: ein strenges Baureglement, das bereits 1943 erlassen wurde.

Tipps für Ernen und den Naturpark Binntal – Schweizer Wallis – Goms

Wie macht man sich auf den Weg nach Ernen?

„Sobald ich aus dem Zug gestiegen war und die ersten Walliser Wappen mit den rot-weißen Sternchen sah, überkamen mich schöne Erinnerungen.“ (Diana Pavlicek)

Zu Fuß wäre es unbequem, aber ein Auto ist für einen Aufenthalt im „Hüs üf der Flüe“ mehr Luxus als Notwendigkeit. Zumindest für all jene, die es weniger eilig haben. Wer den Zug aus Zürich oder einer anderen Stadt in der Schweiz nimmt, steigt im Tal aus und erreicht Ernen, auf 1.200 m Höhe ü.M., mit dem Postbus. Wie einfach das funktioniert, erfahren wir bei unserer Anreise, denn Diana Pavlicek entscheidet sich selbst immer wieder für diese umweltfreundliche Art des Reisens und wird uns kurz nach unserer Begrüßung mit der Bahn ab Fiesch wieder verlassen.

– Aus Hamburg haben wir uns allerdings mit dem Pkw auf den Weg gemacht. Das hat den Grund, dass wir vor Ort mobiler sein und uns im Anschluss mit vielen Zwischenstopps nachhause bewegen wollen. In den Genuss einer Bahnfahrt kommen wir trotzdem, denn die Fahrt ins Goms ist mit einem „Autoverlad“ verbunden. Wer die Möglichkeit hat: Die Anreise mit den scheppernden Waggons ist in jedem Fall ein Erlebnis!

Das Goms ist ganzjährig über die Autoverladestationen Furka (Realp-Oberwald) und Lötschberg (Kandersteg-Goppenstein) erreichbar. Bei der Anreise lohnt sich ein Zwischenstopp an der Gotthard-Raststätte, die die Typologie landwirtschaftlicher Nutzbauten trägt. Moderne Architektur aus Holz und Glas: unbedingt sehenswert!

Aussichtsreich: Kirchenschutzzone garantiert die unverbaute Aussicht

Das „Hüs üf der Flüe“ ist schon bald nach einer kurvenreichen Anfahrt in der Ferne zu erkennen. Mit seinen hellen Holzschindeln hebt es sich deutlich von den tief dunkelbraun gefärbten Gommer Blockbauten ab, die weithin sichtbar im Hang stehen und von Obstbäumen und saftigen Wiesen umgeben sind. Nur dem alten „Spycher“, der traditionell zum Haus gehört und noch nicht saniert wurde, ist sein Alter auf den ersten Blick noch anzusehen.

Dass die Fläche vor dem Haus nicht bebaut werden darf, hat das „Hüs üf der Flüe“ der dahinter liegenden Kirche St. Georg zu verdanken. Der Bebauungsplan der Gemeinde hat eine Kichenschutzzone eingerichtet. Das heißt, die Dorfansicht mit Blick auf St. Georg darf nicht verändert werden. Wo keine Bausünden stehen, werden also auf absehbare Zeit auch keine hinzu kommen. Als sie das erklärt, huscht ein breites Lächeln über das Gesicht von Diana.

Der Zugang zum Haus erfolgt über eine schmale Steintreppe und erlaubt durch einen modernen Anbau aus Holz das getrennte Betreten der beiden Ferienwohnungen. Während die untere Wohnung durch die frühere Haustür abgeschlossen ist, wurde für das Obergeschoss ein separater Zugang mit kleinem Windfang geschaffen. Über diesen bleibt ein Wechsel zwischen den Etagen möglich. Mit dem Öffnen der Verbindungstüre wird das Gebäude zum Ferienhaus und man kann zwischen den Stockwerken wechseln, ohne ein einziges Mal ins Freie treten zu müssen.

Das Gute bewahren

Wir werden in der Erdgeschosswohnung empfangen und treten durch einen kurzen Flur in eine wohnliche Küche. Eingebaute Schränke vor Fenstern mit Bergblick, ein langer Esstisch und ein Ofen prägen den funktionalen Charakter des Raumes, der zum Verweilen einlädt. Erst etwas später werden wir erfahren, dass alle Möbel, Tische, Betten und Küchen aus vorhandenem Altholz gezimmert sind. Auf den ersten Blick ist das nicht zu erkennen.

Das „Hüs üf der Flüe“ gehörte bis zur Übergabe an die neue Besitzerin einem Dorfbewohner, der das Haus vorwiegend im Winter bewohnte. Der Mann, der im Sommer seine Zeit auf Almen verbrachte, führte ein bescheidenes Dasein. Die sparsame sanitäre Ausstattung vom Plumpsklo, über das kalte Wasser bis zu den wenigen Möglichkeiten das Haus zu beheizen, lassen darauf schließen.

Mängel? Nein: Glück!

Für Diana als Kunsthistorikerin und Liebhaberin der traditionellen Bausubstanz sind diese vermeintlichen Mängel ein großes Glück. Behutsam nähert sie sich dem Charakter des Hauses, indem sie zunächst vieles abtragen, reinigen und aufbewahren lässt, um den Räumen Stück für Stück ihre althergebrachte oder eine neue Funktion zu geben.

Heidenhaus: Keine religiös gemeinte Bezeichnung, sondern auf die Konstruktion des Giebels zurückzuführen, die aus einem Kreuz besteht.

Das historische Haus, dessen älteste Fundstücke auf die Jahre 1424 bzw. 1427 zu datieren sind und das damit einer der ältesten Heidenhäuser des Goms ist, wird zu einem Ferienhaus auf zwei Ebenen. Es entstehen zwei Küchen, zwei Stuben und Schlafkammern und zwei Bäder. Die eigentlichen Schlafzimmer entstehen in einem Anbau, der in dieser Form vorher nicht vorhanden war.

Um die charaktervollen Wände nicht zu zerstören, lässt die Eigentümerin die Balken selbst in der Küche und in den Badezimmern nur reinigen und nicht schleifen. Fliesen oder Estrichböden mit Fußbodenheizung gibt es nicht. Statt dessen finden sich noch immer Schmauchspuren eines Ofenabzugs an den Wänden. Besonderes Highlight: Im oberen Badezimmer sitzt man unter Fragmenten angeklebter Bahnfahrpläne „Paris-Pontarlier – Neuchatel – Berne“ in einer Badewanne auf Löwenköpfen und lässt das Wasser aus einer herrlich altmodischen Armatur auf die Glieder rauschen. Wer die Pläne an die Wand geklebt hat? Ungeklärt. Sicher ist nur, dass der Plan von 1890 stammt und zu schade gewesen wäre, einer Verschalung mit Kachelwänden zu weichen.

Badewanne im Obergeschoss
Badewanne im Obergeschoss

Kompliziertes Messverfahren: Dendrologische Untersuchung ermittelt Alter

Dass das Alter des Hauses so präzise angegeben werden kann, ist dendrologischen Untersuchungen zu verdanken, die ein sogenannter Wald-Archäologe auf Drängen Dianas unternimmt.

Mit Hilfe von Bohrungen in einer Türe des Hauses kann anhand der Jahresringe das Alter der Türe bestimmt werden. Man beginnt mit der Bohrung auf der Seite, auf der sich ursprünglich die Rinde des Holzes befand und arbeitet sich immer tiefer in das Holz. Die ermittelten Daten lassen dann Rückschlüsse auf das Alter der Türe und somit des Hauses zu.

Außerdem geben einige Besonderheiten innerhalb des Hauses Hinweise auf das Alter. So ist der historische Giltsteinofen in der unteren Stube, zu dem die Ofentüre in der Küche gehört mit der Jahreszahl 1576 verziert. Das eingebaute hölzerne Stubenbuffet stammt von 1822 und ist in seiner Originalform erhalten.

Insgesamt erfährt das Hüs üf der Flüe nach innen und außen nur behutsame Veränderungen, um es den neuen Nutzungsgewohnheiten anzupassen. Die Größe der Fenster variiert, um mehr Licht in die Räume zu holen. Aber die Böden knarren wie eh und je und wir können uns nichts Schöneres vorstellen, als bald einmal wieder barfuß über diese Dielen zu laufen.

Mehr als ein wahr gewordener Traum

Während in der Küche das Geschirrtuch auf einem traditionellen Tragegestell für Brote trocknet (der Vorbesitzer hat die Holzträger selbst hergestellt und genutzt), schenken wir uns ein letztes Glas Wein ein. Durch die geöffneten Fenster, dringt das Rauschen des Baches aus dem Tal zu uns empor. In der Ferne flimmern kleine Lichter, die Umrisse der Berge zeichnen sich ab. Es ist ein Moment der Einkehr und der Stille, viel mehr als ein wahr gewordener Traum einer Städterin.

Unbedingt machen!

• Die Ziegen der Nachbarn beobachten und durch die Vorgärten und Häuser von Ernen spazieren, die oft auf seltsamen Stelzen aus Steinen stehen, was Schutz vor Mäusen bieten sollte.

• Dem Läuten der Kirchenglocken von St.Georg lauschen, die nicht nur läuten, sondern oft als Glockenspiel erklingen.

• St.Georg | Schrot und Korn von Berg und Tal – Eine Kooperation zwischen Bäcker Robert Turzer, Wirtin Chantal Käser und Patron Klaus Leuenberger, der zuvor haubengekrönt im „Erner Garten“ gekocht hat. Die Wirtschaft befindet sich am Marktplatz von Ernen.

www.stgeorg-ernen.ch

• Mittagessen im „Erner Garten“ – Gute Hausmannskost. Mittagsmenü für ca. 20 SFR inkl. Hahnenwasser – Bei unserem Besuch gab es Minestrone, Blattsalat, Linsensalat, Saltimbocca, Pilzauflauf, Nudeln mit Tomatensoße, Fenchel, Lauchgemüse, Tiramisu

→ berglandhof.ch

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Charis
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    Volkmar Dr. Kleint

    Stimmungsvoll in jeder Hinsicht und in „gelockten “ Zeiten ein kleiner Reiseersatz ohne Flug- Autobahn-Eisenbahnkilometer..

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    Romina

    Wunderschöne Gegend. Wir waren vor einigen Jahren da und ich möchte so gern wieder hin.
    Danke für den kleinen „Ausflug“.
    Das hat mir wirklich gefallen.

  3. Avatar

    Da hat offensichtlich tatsächlich jemand mit sehr viel Verstand und Sensibilität saniert.
    Den gewohnten Komfort alten Holzdielen und -wänden im Badezimmer zu opfern, wagen sich die wenigsten.
    Großes Kompliment an die Eigentümerin.

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