Wollsocken und Katze, die um die Füsse streift

Steiner Wollwelt: Wolle und Lodenherstellung eines steirischen Traditionsbetriebes

1888 steht in großen Lettern am Eingang zur Lodenmanufaktur Steiner in Mandling an der Südseite des Dachsteins. Denn 1888 ist das Jahr der Gründung dieser traditionsverbundenen Wollmanufaktur am Rande der Steiermark. Bei einem Besuch in Österreich  (2013) habe ich die Wollmanufaktur, auch Steiner Wollwelt genannt, besichtigt. Ein Rundgang auf dem viel Wissenswertes über die Wollweberei und den Betrieb der Familie Steiner erzählt wird.

Artikel ist überarbeitet. Ersterscheinung 26.8.2013.
Die Wollstoffe des österreichischen Familienunternehmens Lodensteiner sehe ich erstmals Ende der 90er Jahre auf der Première Vision. Das ist eine internationale Stoffmesse, die zweimal im Jahr in Paris stattfindet. Weltberühmte Modedesigner gehen auf dem Stand der Wollproduzenten Steiner ein und aus. So ist es kein Zufall, dass sich Steiner Wollstoffe in den Kollektionen von Yves Saint Laurent, Burberry, Louis Vuitton, Boss, D&G, Bogner, Sportalm, Lodenfrey, aber auch in Sport-Labeln wie Adidas und Nike finden. Im Jahr 2013 werden um die 230.000 Meter Wollstoff pro Jahr in Mandling produziert. Und kuschelige Decken, die sich Wolldecke Alina, Wolldecke Sophia oder Heidi nennen. Mit einer solchen habe ich die zweite Begegnung mit Steiner 1888. Die Decke liegt im Zimmer der Vigilius Mountain Lodge oberhalb von Lana. Sie gefällt mir so gut, dass ich bei der Abreise selbst zur Besitzerin werde.

Eingang zum Firmensitz von Steiner 1888 in Mandling in der Steiermark
Eingang zum Firmensitz von Steiner 1888 in Mandling in der Steiermark

Über 100 Jahre Tradition in der Wollherstellung

Gegründet wird die Wollmanufaktur Loden Steiner also 1888. Damals noch als reine Woll-Walke. Mit der Übernahme durch einen Neffen (Franz Steiner) beginnt ab 1910 ein Modernisierungsprozess. Maschinen werden gekauft und neue Verarbeitungstechniken für die Wollproduktion erprobt.

Die Geschichte der Steiners ist eng mit der Gebirgsregion und dem Leben in Mandling verwoben. 1909 erklimmen zwei Steiner-Brüder erstmals die Dachstein-Südwand und ebnen den Weg für eine der bekanntesten Kletterrouten der Ostalpen. Einer der beiden ist Franz, Urgroßvater der heutigen Eigentümer. Die jungen Männer schützen sich vor den Unwägbarkeiten des Bergwetters mit Loden aus der familieneigenen Walke. Doch damit sind sie nicht allein. Unter Bergsteigern hat sich ihr Lodenstoff längst als taugliches Material für die Bergtouren etabliert.

Bis heute wird in den Räumen des Unternehmens in über 40 Arbeitsschritten Rohwolle gereinigt, versponnen, veredelt und verwebt. Auch, und das ist eine Besonderheit, der traditionelle Vorgang des Walkens, wird bis heute auf einer historischen Hammerwalke vollzogen. Die Maschine zur Herstellung eines besonders strapazierfähigen Wollstoffs ist seit 1888 an ein und derselben Stelle platziert. Auf der Walke wird nach traditionellem Verfahren der sogenannte „Schladminger“ produziert. Ein besonders dichter Woll-Loden, der sich durch eine grau/schwarz melierte Optik auszeichnet. Dieser Loden ist überdurchschnittlich haltbar, wind- und wetterfest und wird in dieser Form nur bei Steiner 1888 gewebt und gewalkt.

Die Hammerwalke in der Wollmanufaktur von Steiner 1888

Vor dem Prozess des Walkens steht das Weben des Lodenstoffes. Ist das geschehen, kommt das Material in die Bottiche der sogenannten Walkmühle. In sie kann Walkflüssigkeit gegeben werden, was das Verfilzen beschleunigt. Durch Wasserkraft (neben dem Gebäude von Steiner verläuft ein Mühlbach) werden über Wellen Holzhämmer angetrieben, die den Stoff stauchen, dabei verdichten und verfilzen. Dieser Prozess ist das Walken.

Wenn das Gewebe fest genug durch die Hammerschläge verbunden ist, kann nur noch schwer Feuchtigkeit von außen durch den Stoff dringen. Er ist besonders windabweisend, warm, aber auch recht steif.

Die Farbe eines Lodens spielt keine Rolle. Traditionell sind Lodenstoffe oft grün, grau oder in dunklen Farbtönen.

Hammerwalke von Steiner 1888.
Wenig fotogen, aber sehr effektiv in der Herstellung robuster Lodenstoffe: Die Hammerwalke von Steiner 1888.

Eigenschaften von Wolle

Wolle ist ein natürlicher Rohstoff, zum Beispiel vom österreichischen Bergschaf und wächst beständig nach, bis die Tiere geschoren werden. Das weiche Material wärmt und kann bei entsprechender Ausrüstung sehr stark wasserabweisend sein. Deshalb tragen (Oder sollte es „trugen“ heißen?) beispielsweise Schäfer, Förster und Jäger oft ein Cape aus Loden. Wollstoff hat gegenüber technischen Materialien den Vorteil, dass er schwer entflammt. Je nach Qualität, Wollart und Empfinden sind Bekleidungsstücke aus Wolle oder Wollmischungen für fast jede Person angenehm und gut zu tragen.

Während Steiner für die Tuchherstellung ursprünglich fast nur Wolle von Bergschafen aus der Umgebung verwendete, liefern Händler aus aller Welt ihre Ware heute in großen Gebinden an. Alpakawolle, Angora, die Schur von Merinoschafen und Kaschmirziegen. Diese Rohmaterialien werden bei Steiner 1888 aufbereitet und allein oder in Mischungen zu Wollstoffen verwebt.

Alpaka, was eine geringe Quellfähigkeit aufweist, wird beispielsweise mit Merinowolle kombiniert. Das macht das Garn saugfähiger und lässt sich prima in wunderschön leuchtenden Farben einfärben. Es gibt reine Merinowolle, die sehr langlebig und weich bleibt. Und sehr teure, weil seltene, Materialien wie reinen Kaschmir.

Während ein Kilogramm Bergschafwolle nur einige Euro kostet, kann ein Kilo Kaschmir für ein Vielfaches davon gehandelt werden. Das erklärt die hohen preislichen Unterschiede von Kaschmir- zu Merino-Wolldecken, denn versponnen und verwebt werden beide Materialien auf ähnliche Art und Weise.

Wie entsteht ein Wollstoff? Aus Rohwolle wird Garn

Vor jeglichen Verarbeitungsschritten steht das Waschen und Reinigen der Rohwolle. Erst danach kann das Material eingefärbt werden. Je nach Qualität nimmt die Wolle die Farbe unterschiedlich gut an. Das erklärt, weshalb es einige Tuche vor allem in natürlichen, gedeckten Tönen gibt, andere wiederum in leuchtenden strahlenden Farben. Ist es gewünscht, unterschiedliche Wollqualitäten zu einem Gewebe zu verbinden, dann werden die Wollsorten jetzt gemischt.

Der zweite Arbeitsgang ist die Spinnerei. Wolfen (Auflösen der Fasern), Krempeln (Auflösung bis zur Einzelfaser) und Ringspinnen nennen sich die nötigen Arbeitsschritte.

Ist das Garn fertig, gelangt es zum Spulen, Kettschären und letztlich zum Weben.

Vom Wollgewebe zum Loden

Sobald das Wollgarn fertig auf Spulen aufgerollt ist, kann es als Kette (das sind die Längsfäden in einem Gewebe) auf einen Webstuhl gespannt werden. Bis ein Kettbaum (so nennt sich das) auf einem Webstuhl von bei Steiner fertig ist, können bis zu neun Stunden vergehen. Das komplizierte und zeitaufwendige ist nämlich, dass jeder Kettfaden von Hand mit einem Weberknoten eingeknüpft werden muss. Geduld und handwerkliche Präzision sind für diese Aufgabe die besten Begleiter.

Ist der Kettbaum einmal aufgespannt, wird der Wollstoff wie auf einem manuellen Webstuhl mit Weberschiffchen gewebt. Schuss für Schuss entsteht so das Gewebe.

Wie bereits oben erläutert, ist für die Lodenproduktion noch ein weiterer Schritt erforderlich: das Walken des Garns. Das geschieht entweder auf der Hammerwalke oder auf anderen Geräten, die die Oberfläche des Materials aufrauen. Durch lockenwicklerartige Bürsten wird der Stoff weicher und fülliger und es sind mehr Lufteinschlüsse möglich. Mit dem Verfahren des Strichrauens, bei dem die Wollfaser in eine Richtung gelegt wird, kann der Wollstoff ebenso stärker wasserabweisend ausgerüstet werden.

In der Weberei von Steiner 1888: ein Wollstoff entsteht.
In der Weberei von Steiner 1888: ein Wollstoff entsteht.

Verwendung der Wollstoffe

Nach dem Scheren, Dekatieren und Dämpfen kommt der Stoff in eine strenge Endkontrolle, denn nur völlig fehlerfreie Ware verlässt die Wollmanufaktur in Mandling. Unregelmäßigkeiten werden am Stoffrand markiert, damit der Schneider beim Zuschnitt diese Stellen bemerkt. Das geschieht oft durch das Einziehen eines andersfarbigen Fadens.

Dekatieren bedeutet den Stoff mit Wasserdampf so auszurüsten, dass er nicht einläuft.

Neben den Tuchen, die als Meterware an Designer, Raumausstatter und Hotels verkauft werden, werden bei Steiner auch Wolldecken und textile Accessoires wie Kissen, kleine Sitzdecken oder Wärmflaschen hergestellt.

Das Material kommt dafür in die Näherei. Bei den Decken werden die Ecken von Hand rund geschnitten und an der Maschine mit der typischen Wollnaht gesichert. So entstehen wollig weiche Unikate, die Generationen von Menschen warm und gemütlich einhüllen.

steiner-decke-mit-ledergurt

Der Rundgang durch Spinnerei und Weberei wird mit einem Besuch des Verkaufsraums beendet. Wer Ware für 100 Euro kauft, bekommt den Eintritt zurück. Neben den Decken und Wollkissen, gibt es warme Wollsocken aus Bergschafwolle (schaut dafür auch gern in den Onlineshop Wohlgeraten), kleine Sitzkissen, wie die Sitzdecke Emma oder Accessoires wie Schlüsselanhänger und Wärmflaschen.

Der Schladmiger Wollofen

Schladminger Wollofen von Steiner 1888
Schladminger Wollofen von Steiner 1888

Besonders: Der Schladminger Wollofen. Eine Sonderproduktion, entwickelt mit einem Ofenbauer aus Mandling.

Und hier mein letzter Blick: Die Hammerwalke, die direkt mit dem Wasser des Gebirgsbachs angetrieben wird, steht hinter der robusten Steinmauer inmitten des Bildes.

Wer also in die Steiermark reist: Bei Steiner 1888 in Mandling lässt sich noch lebendige Textilgeschichte erleben!

seitenansicht-steiner-1888

Adresse und Kontakt: Steiner Wollwelt

Mandling 90
8974 Mandling
Telefon: +43 6454 7203 276

Es gibt öffentliche Führungen und Gruppenführungen ab zehn Personen. Der Preis liegt bei 8 € für Erwachsene und 4 € für Kinder. Mehr Infos: Steiner Wollwelt

Mandling liegt ganz im Westen der Steiermark an der Grenze zum Salzburger Land. Infos für einen Urlaub in der Steiermark gibt es zum Beispiel hier. Graz als Landeshauptstadt der Steiermark ist mit dem Auto ca. 2,5 Stunden entfernt, Wien 3,5 Stunden.

Nachbargebäude von Steiner 1888 in Mandling
Nachbargebäude von Steiner 1888 in Mandling

 

Teile diesen Beitrag
Charis
Follow me
  1. Kleint

    Steiner-Decken machen süchtig ! Und : Für Mittagsschläfchen mindestens doppelte Zeit ansetzen.

    Für den Winter 2022/2023 könnten den schmucken Socken noch erheblich gesteigerte Einsatzzeiten bevorstehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner