Haube einer Bregenzerwälder Tracht

Maßgeschneidert für die Wälderin : Juppenwerkstatt Riefensberg – Bregenzerwald

„Maßgeschneidert für alle Wälder“ steht auf einem Plakat des öffentlichen Landbuses im Bregenzerwald. Darunter strahlt eine Frau in Tracht. Sie trägt das Kleid der Wälderin: eine schwarze „Juppe“ aus Leinen. Was  spielerisch eingesetzt ist, hat einen bedeutsamen Hintergrund. Die Juppe ist eine der wenigen traditionellen Trachten in Österreich, die noch vom ersten bis zum letzten Schritt von Hand angefertigt werden. Leinen für Bregenzerwälder Juppen wird gefärbt, appretiert, geglästet (glänzend gemacht), gefältelt und dann von Hand zum Kleid genäht. Und es wird natürlich ganz nach Körpermaß der Trägerin gefertigt. Das Besondere daran: Eine Juppe darf NUR von einer Wäldern getragen werden.

Das Recht, eine solche Juppe zu erwerben und zu besitzen, obliegt also nur einer im Bregenzerwald geborenen Frau. Ausnahmen werden nicht gemacht. Blut zählt mehr als Geld und die Schilderungen Einheimischer untermauern diese Erzählungen. Niemanden sonst beliefern die geschickten Kunsthandwerkerinnen der Region, die ihr Wissen in der Juppenwerkstatt Riefensberg auskunftsfreudig an die Besucherinnen und Besucher weitergeben. Und dadurch ist dieses Kleidungsstück einzigartig: maßgeschneidert für die Wälderin, die ihre Juppe ein Leben lang trägt und mit etwas Glück sogar an ihre Kinder vererbt.

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Plakat im Bregenzerwald (2014)

Geschichte der Juppenwerkstatt Riefensberg – Bregenzerwald

Über einen längeren Zeitraum schien es fast unmöglich sich eine neue Juppe anfertigen zu lassen. Wer also weder geerbt hatte, noch in die Kleider der Vorfahren passte, hatte Pech. – Die Juppenfärberei, geht auf das klassische Färberhandwerk zurück. Seit dem 17.Jahrhundert färbte die Wälderin ihr Kleid schwarz. Orientiert an der spanischen Mode, entwickelte sie eine hochgeschlossene Tracht aus einem stark gestärktem und plissiertem Leinen.

Da das Leinen ursprünglich nur in schmalen Bahnen gewebt werden konnte, musste es zusammengesetzt werden. Auf die Saumnaht kam ein blaues Band und dieses Merkmal ist bis heute so geblieben.

Es gibt heute schwarze und weiße Juppen und darunter trägt die Wälderin ein blusenartiges Jüppchen mit Ärmeln. Dieses konnte und kann bei Bedarf gewechselt werden. Getragene Juppen werden aufgearbeitet und neu in Form gebracht. Da eine handgefertigte Tracht ab 3000 € aufwärts kostet, ist der Kauf einer Juppe für die meisten Frauen eine Anschaffung fürs Leben. Aufgrund des Preises auch ein Statussymbol.

Natürlich kommt eine Juppe nicht ohne Accessoires aus: Auf dem Kopf sitzt das goldfarbene Schapperle, das mannigfaltig verziert sein sollte. Wer es schlichter mag:  für den Alltag reicht auch ein schwarzer Hut.

In der Werkstatt

Wer die Juppenwerkstatt in Riefensberg besichtigen will, findet sie im ehemaligen Gasthaus Krone. Ein geschichtsträchtiger Ort, der bereits 1648 urkundlich erwähnt wurde. Für den Umbau wurde das Gebäude komplett entkernt und zu einem Ausstellungsraum mit Werkstatt für die Juppenherstellung umgebaut. Nun befinden sich im Erdgeschoss die Räume für die Aufbereitung der Textilien, im ersten Stock, der Straße zugewandt, sind eine Schaufläche und ein Nähatelier untergebracht. Die zahlreichen Fenster wirken sich positiv auf die Beleuchtung der Räume aus, denn gerade zum Nähen der aufwendigen Kleidungsstücke wird sehr viel licht benötigt.

Sechs Meter Leinen für die typische Tracht der Wälderin

Für eine Juppe müssen fünf bis sechs Meter Leinenstoff vorbereitet, eingefärbt und appretiert werden. Früher, als das Leinen noch schmaler lag, war es sogar noch mehr. Da Gebirgsflachs sehr kurzfaserig ist und daher nur sehr schwer fein versponnen werden kann, begann man früh mit dem Import von Reinleinen.

Die Verarbeitung des Leinens

Das Leinen wird in der Färberei in großen Bottichen in einen schwarzen Farbsud eingelegt. Ist die Farbe wie gewünscht, folgt das Einlegen in die Appretur, welche dem Stoff die erforderliche Festigkeit verleiht.

Alte Juppen, die aufgearbeitet werden, müssen säuberlich aufgetrennt werden und von diesem Arbeitsschritt an, erneut bearbeitet werden.

Aus 16 kg Abfallleder kochen die Handwerkerinnen eine leimartige  Appretur. Das ist ein aufwendiger Prozess, denn der Sud muss immer wieder erkalten und ruhen. Erst am dritten Tag kann das Leinen in den Sud getaucht werden. Der Appretur-Sud ist dann für wenige Wochen haltbar, ehe er erneut angesetzt werden muss.

Am „Leimtag“ braucht es Sonnenschein

Am Tag der Appretur, dem sogenannten „Leimtag“ wird das Leinen in den Sud, welcher mit schwarzer Farbe vermischt wurde, eingetaucht. Wichtig ist, dass es sich um einen Schönwettertag handelt, denn zum Gelingen braucht die Appretur die Einstrahlung von Sonnenlicht. Die Stoffbahnen werden auf der Wiese vor dem Haus ausgebreitet und sind nach dem Trocknen tatsächlich „knochenhart“. Der Stoff wird vorsichtig zusammengelegt, um ein Brechen zu vermeiden. Dann bearbeitet man ihn erneut.

Es folgt das Glästen, durch welches die Juppe ihren charakteristischen Glanz bekommt.

In der Juppenwerkstatt wird der Raum gewechselt. Wir gelangen zu einer großen gußeisernen Maschine, die an eine Wäschemangel erinnert. Durch Rollen und Reiben wird die Oberfläche des Materials immer glänzender gemacht. Ein aufwendiger Prozess, der Erfahrung und Geduld voraussetzt. Durch diesen Vorgang gewinnt der Stoff wieder etwas mehr an Geschmeidigkeit, bleibt jedoch dennoch steif.

Bevor zugeschnitten werden kann, muss der Stoff nun gefältelt werden. Auch hierfür gibt es eine Maschine. Falte für Falte wird in den Stoff gepresst. Für die Geduld, die hierfür von Nöten ist, bewundere ich die Damen der Werkstatt.

Interessant für diesen Vorgang: damit der Stoff die Form behält benötigt er eine minimale Feuchtigkeit. Die Wälderinnen legen ihn daher in eine feuchte Bodenkuhle, die sich inmitten des Hauses befindet. Nicht zu lang darf das Material liegen, denn dann verliert es den Glanz. Nur die jahrelange Erfahrung garantiert, das das Vorhaben gelingt. Eine spannende Tradition!

Leicht aufgerollt erreichen nun die Stoffbahnen das Schneideratelier im ersten Stock des Hauses.

Knüpfarbeit im Atelier
Knüpfarbeit im Atelier

Es wird zugeschnitten und von Hand genäht. Borten werden geknüpft und Hauben gestrickt. Näherinnen (bis 3500 Handstiche!), Stickerinnen und Knüpferinnen sind gleichzeitig an der Anfertigung einer einzigen Juppe beteiligt. Die Handwerkerinnen, allesamt aus Vorarlberg, arbeiten teilweise in Heimarbeit. Bis eine Tracht fertiggestellt ist können zwei Jahren vergehen. Und dennoch: Nachwuchssorgen gibt es keine.

Die lange Produktionszeit entschuldigt den Preis. Junge und betagte Bregenzerwälderinnen tragen noch heute die Tracht. In Gesprächen mit ihnen, ist zu erfahren, wie ernst und wie lieb sie ihnen ist. Ein außergewöhnliches Stück alpiner Tradition.

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Ausstellungsstück in der Juppenwerkstatt

Juppenwerkstatt Riefensberg

Dorf 52
A-6943 Riefensberg
Tel +43 (05513) 83 56-15
www.juppenwerkstatt.at

Blick aus der Werkstatt
Blick aus der Werkstatt
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Charis
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