Eine Leseempfehlung von Valerie Wagner
Kim Schreiber rennt schnell, manchmal schneller als alle anderen Trailrunner:innen. Im Juni 2025 bewältigte sie den Koasamarsch im Kaisergebirge: 55 Kilometer und 3.900 Höhenmeter in sieben Stunden und 42 Minuten. Das Trailrunning-Portal xc-run schrieb, sie habe „Geschichte geschrieben“. In ihrem Buch erwähnt Schreiber den Koasamarsch nur beiläufig als eine von vielen Stationen und widmet diesem Trail nur eine halbe Seite. Sie nennt es „Das Tiroler Original“:
„Der Koasamarsch hat alles ins Rollen gebracht: meine Karriere, meine Sponsoren, mein Team und letztlich auch dieses Buch. Er bleibt mein Herzensrennen – familiär, authentisch und unverfälscht, selbst heute in einer Zeit, in der Trailrunning boomt.“
Im Vorwort verspricht Schreiber eine Liebeserklärung ans Laufen – im Kapitel über den Koasamarsch spürt man sie.
Über OFF TRACK – Passion Trailrunning
Seit 2021 ist Kim Schreiber professionelle Trailrunnerin. Im März 2026 veröffentlichte sie im Callwey-Verlag ein Buch über ihre Leidenschaft. Zu Beginn des 250-seitigen Bildbands erklärt sie ihr „Warum“ und erzählt, wie sie zum Trailrunning kam. Es folgen Porträts von Laufkollegen wie ihrer Podcast-Partnerin und Freundin Ida-Sophie Hegemann und dem Amerikaner Dakota Jones.

Der Koasa-Trail: Start in Kim Schreibers Trailrunning-Passion
2017 startete Kim Schreiber zum ersten Mal bei einem Trailrun-Wettkampf. Sie hatte sich für den Koasa-Höllenritt angemeldet: 20 Kilometer und 1000 Höhenmeter.
„Viel zu ambitioniert, völlig blauäugig, aber unvergesslich. Den langen Anstieg verfluchte ich, meine Trail-Erfahrung war gleich null, und doch erreichte ich als dritte Frau das Ziel“, beschreibt sie die Erfahrung.
2025, also sechs Jahre später, bewältigte sie beim KOASA Jubiläums-Ultralauf 55 Kilometer und 3.900 Höhenmeter in sieben Stunden und 42 Minuten und stellte damit die Bestzeit unter allen Teilnehmer:innen auf. Sie gewann vor Sonja Kinna (7:50:25) und Anja Kobs (9:07:05).
Koasa
„Koasa“ ist die lokal übliche Bezeichnung des Kaisergebirges. Diese alpine Region liegt in Tirol an der Grenze zu Deutschland und steht unter Naturschutz.
Der KOASA Jubiläums-Ultralauf über 55 Kilometer war eine für das Jubiläum zum 55. Koasamarsch gestaltete Strecke. „Das Kaisergebirge ist eines der schönsten Naturschutzgebiete Österreichs. Der Schutz dieser Landschaft hat für unser Team oberste Priorität“, sagt Andreas Moser vom WSV Ebbs. Die Teilnehmerzahl ist auf 1.200 begrenzt, für den Koasa-55-Panorama-Trail auf 155. Der Koasamarsch setzt auf umweltschonende Maßnahmen: Plastik wird durch nachhaltige Alternativen ersetzt, Müllvermeidung steht im Vordergrund und es werden bevorzugt regionale Produkte verwendet.

Blick ins Buch: 14 Porträts aus der Trailrunning-Community
In ihrem Buch widmet sich Kim Schreiber Persönlichkeiten, die diesen Sport prägen. Sie porträtiert 14 Trailrunner:innen, darunter Ida-Sophie Hegemann und Dakota Jones. Diese Porträts zählen zu den stärksten Passagen des Buchs. Sie zeigen, dass Trailrunning weniger Einzelsport ist, sondern eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten.
Trailrunning Podcast „Höhenmeter pro Kilometer“
„Höhenmeter pro Kilometer“ ist der wöchentliche Podcast von Kim Schreiber und Ida-Sophie Hegemann. Die beiden Profi-Trailrunnerinnen sprechen dort über Training, Wettkämpfe und oft tabuisierte Themen im Sport.
Zu hören auf allen gängigen Plattformen: hmkm. podigee. io
Porträt: Trailrunnerin Ida-Sophie Hegemann
Kim Schreibers Porträt über Ida-Sophie Hegemann zeigt eine persönliche Note.Trotz sportlicher Konkurrenz vereint die beiden eine Freundschaft. Ida wuchs als Familienmensch auf, eng mit Eltern und Geschwistern verbunden. Ein Sportlehrer weckte ihre Leidenschaft fürs Laufen. Früh schaffte sie es in die deutschen Bestenlisten über 5 km.
Mit 15 zog Ida ins Sportinternat nach Hannover, weit weg von der Familie, mitten in die Welt des Leistungssports. Ihr Ziel: herausfinden, wie gut sie werden kann, vielleicht sogar Olympia. Sie verzichtete auf typische Jugenderfahrungen. Rückblickend vermisste sie eine autoritäre Bezugsperson und musste früh selbstständig werden.
Das Internat hatte Schattenseiten: Essstörungen, Gewichtskontrollen, Druck wegen der Menstruation. Um bleiben zu dürfen, trainierte Ida zu viel und vernachlässigte ihre Gesundheit. Nach dem Abitur kam der Umbruch. Innsbruck wurde ihr neues Zuhause und half ihr, die Internatsjahre zu verarbeiten. Hier entdeckte sie das Trailrunning. Heute ist Ida eine öffentliche Person: Läuferin, Youtuberin, Podcasterin und Studentin. Kim Schreiber beschreibt, wie Ida lernte, sich selbst zu kennen, Grenzen zu respektieren und Nein zu sagen.
Porträt: Trailrunner Dakota Jones
Dakota Jones belegte mit 21 Jahren den zweiten Platz bei der North Face Endurance Challenge und dem Hardrock 100 und gewann die Transvulcania, einen Ultamarathon in La Palma.
Er wuchs in Utah auf, bekannt für Jeep-Touren und Felsklettern. Mit 15 zog er nach Colorado und schloss dort die Highschool ab. Laufen interessierte ihn kaum, bis er es probierte und erkannte: „Einen klaren Zukunftsplan hatte er nicht, also brach er das Studium ab.“ Laufen wurde seine Berufung. Mit 17 hörte er vom Hardrock 100, lief bei Veranstaltungen mit Hunderten Freiwilligen, verbrachte Nächte auf der Strecke und fand seine Faszination.
Dakota beschreibt einen inneren Konflikt: Er will nachhaltig leben und zugleich als Läufer reisen. Seit 2021 gehört er zum „NNormal“-Team und verfolgt eine Umweltethik. Er engagiert sich für Footprints Running, ein klimafokussiertes Trailrunning-Programm. Dakota sieht Laufen als Weg, die Welt zu verstehen und andere dazu zu bringen, die Grundlagen des Lebens zu schätzen. „Ich möchte die Welt verstehen und andere Menschen kennenlernen. Es ist schwer zu wachsen, ohne die Grundlagen zu zerstören, die einen dahin gebracht haben.“
Als Trump Präsident wurde, suchte Dakota nach seinem Einfluss und entschied sich, die Demokratie aktiv zu unterstützen, vor allem durch Umweltschutz. Er spricht offen über die Klimakrise. Seit Mai 2025 arbeitet er mit einem Coach zusammen, der ihm hilft, Laufen und Leben in Einklang zu bringen. Trainingspläne, Herzfrequenz, Ausrüstung – all das ist für ihn neu.
Was Kim Schreiber über ihre Motivation sagt, klingt ähnlich: Es geht ihr nicht allein um die Berge oder Laufzeiten, sondern um das, was Laufen im größeren Sinne bedeutet:
„Mein Team, die Community und die Möglichkeit, neue Orte der Welt laufend kennenzulernen„, antwortet Kim Schreiber auf die Frage, was ihr Trailrunning gibt.

Wie Kim Schreiber zum Laufen kam
Kim Schreiber beschreibt sich als Läuferin, vielleicht mit Leib und Seele. Aber sie betont, dass sie viele Identitäten in sich trägt: Großstadtkind, Tochter, Schwester, Partnerin, Freundin, Autorin, Musikliebhaberin, Träumerin, Podcasterin. Dennoch hat das Laufen sie zu der gemacht, die sie heute ist. Es hat sie geformt, wachsen lassen und ihr die Maske der Unsicherheit abgenommen. Es ist ihr Rückzugsort.
In „Off Track“ beschreibt sich Kim Schreiber als „liebenswert, aber kompliziert“, mit Macken, die sie mit 30 Jahren zu lieben gelernt hat, dabei oft überfordert in der eigenen Identitätsfindung.
Durch ihre Mutter kam Kim zum Laufen, denn diese schnürte täglich ihre Laufschuhe und lief unermüdlich ohne Sportuhr mit Musik im Ohr. Kim Schreiber sah, wie ihre Mutter im Laufen einen eigenen Rhythmus fand, und tat es ihr gleich. Sie lief, ohne Schnickschnack, ohne das Wissen über Straßen- oder Trailläufe. Das „Wo“ war egal. „Vielleicht“, schreibt sie, „ist das bis heute so. “

Wettkämpfe, Trails und Berge
Im Buch erzählt die Autorin über die großen Bühnen des Sports: dem UTMB, dem Ultra-Trail du Mont-Blanc, den Golden Trail World Series und vielen weiteren Veranstaltungen.
Der UTMB gilt als eines der prestigeträchtigsten Ultramarathon-Rennen der Welt. Auf 175 Kilometern und mehr als 10.000 Höhenmetern umrunden die Athleten das Mont-Blanc-Massiv – durch Frankreich, Italien und die Schweiz, von Chamonix über Courmayeur und La Fouly zurück zum Start. Wer finisht, hat nicht einfach ein Rennen absolviert, sondern eine der ikonischsten Routen der Alpen erfahren.
DNF – Did not finish
Der OCC (Orsières-Champex-Chamonix) ist eine Herausforderung für Mittelstreckenläufer und ein Teil des UTMB, von dem Kim Schreiber erzählt. Gestartet wird in Orsières, im Schweizer Kanton Wallis, auf eine 55 km lange Strecke mit 3.425 Höhenmetern. Eine Strecke, zu dem die Trailrunnerin eine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat.
Dabei geht es um einen Moment, der es nicht ins Buch geschafft hat. Kim Schreiber thematisert ihn auf ihrem Blog mit der im Trailrun üblichen Abkürzung „DNF“ – „Did not finish“. Was ein DNF mit einem Menschen macht, beschreibt die Autorin so:
„DNF. Drei kleine Buchstaben, die für uns Sportler eine der schmerzhaftesten Erfahrungen beschreiben.„
Sie schildert den Moment des Abbruchs und die wochenlange Verarbeitung danach.
„Vielsagend ist, dass ich diese Entscheidungen nie wegen einer Verletzung getroffen habe. Es war nie ein körperliches „Versagen“, sondern immer ein mentales. Mein letztes DNF ist wenige Tage her. Beim OCC war nach 42 von 56 Kilometern Schluss für mich.“
GTW – Gold Trail World Series
Die GTW – Gold Trail World Series versammelt acht Rennen, die nach Szenerie, Geschichte und Atmosphäre ausgewählt wurden – von Zegama-Aizkorri in Spanien über die japanischen Alpen in Myoko bis zum Grand Finale in Südkorea. Bei der Wertung zählen die drei besten Ergebnisse. Wer sich für die Logistik und Atmosphäre dieser Rennen interessiert, bekommt hier einen seltenen Einblick aus der Perspektive einer Athletin, die wirklich dabei ist – als Wettkämpferin mit einem konkreten Ziel: dem Podium.
Ehrlich ist Schreiber auch über das, was hinter der Kulisse liegt. Organisation, Verzicht, die jahrelange Hingabe, die dazu gehört. Das klingt nach Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht.
Auf den letzten Seiten informiert die Autorin über die Grundausrüstung, das richtige Training, Technik und Ernährung. Außerdem verrät Kim Schreiber das Rezept für ihr „geliebtes Früchtebrot“, Eine Seite über Routenplanung und Navigation vervollständigt den Inhalt.
Am Ende wird deutlich, wie wichtig Trailrunning für Kim Schreiber ist. Sie spricht ungern über Leistung. Zumindest nicht so, wie man es von einer Profisportlerin erwarten würde.

Im Gespräch: Interview mit Kim Schreiber
Du beschreibst Trailrunning als Lebensgefühl – was meinst du damit?
Ich beziehe mich dabei rein auf mich und meine eigenen Erfahrungen. Damit möchte ich nicht verallgemeinern, denn für jeden bedeutet das Laufen etwas anderes. Das Laufen hat mich in verschiedenen Lebensphasen begleitet, deswegen ist es ein Lebensgefühl. Normales Laufen gibt es nicht. Laufen ist wahnsinnig facettenreich, deswegen ist es ja so wunderbar.
Gibt es eine Strecke, die sich für dich wie Zuhause anfühlt?
Ja, die Isartrails in München sind meine Home Trails. Mein kleines Trailrunning-Mekka direkt vor der eigenen Haustür.
Wie gut kannst du Langsamkeit aushalten?
Eine gute Frage. Mit Langsamkeit per se habe ich kein Problem! Ich laufe am liebsten allein, weil ich gerne in meinen eigenen Lauf-Rhythmus finden möchte. Ob der nun langsam ist oder schnell, ist mir dabei egal.
Hat sich dein Verhältnis zu Leistung im Laufe der Zeit verändert?
Ja. Ich habe immer wieder behauptet, kein Wettkampftyp zu sein. Das war aus Selbstschutz, weil ich Angst vor dem Vergleich mit anderen hatte und davor zu scheitern. Das ist noch immer so, aber ich weiß besser mit diesem Druck umzugehen. Leistung ist mir wichtig und es ist mir wichtig, kompetitiv zu sein. Aber es ist auch kein Weltuntergang, wenn ein Rennen mal nicht so läuft wie geplant.
Schmerz, Freiheit, Einsamkeit – drei Worte, drei spontane Antworten.
Schmerz: die eigenen Erwartungen nicht erfüllen. Freiheit: der Wind, der einen am Gipfel willkommen heißt. Einsamkeit: die willkommene Ruhe beim Laufen in der Natur.
Für wen ist das Buch Off Track – Trailrunning Passion von Kim Schreiber?
„Das Laufen hat mich in verschiedenen Lebensphasen begleitet, deswegen ist es ein Lebensgefühl.“
Das ist der Kern, um den das ganze Buch kreist. Wer eine romantisierende Hymne auf den Sport erwartet, wird sich wundern. Wenn Kim Schreiber über Wettkämpfe und Fakten schreibt, formuliert sie sachlich und direkt. „Business“, könnte man sagen, ihr Beruf, der Miete und Rechnungen zahlt. Doch wenn sie über die innere Dimension des Laufens erzählt, blitzt ihre Leidenschaft, ihre Passion hervor und sie schreibt rhythmisch-emotional und über sich selbst.
„Laufen, oder Ausdauersport im Allgemeinen, ist vorwiegend eine Sportart für Menschen, die gut mit sich allein sein können. Für Menschen, die hier und da Zeit für sich brauchen. Für Menschen, die eine Weile brauchten, um bei sich selbst anzukommen und die eigenen Macken anzunehmen. Für Menschen, die diszipliniert sind und einen Hang zur Kontrolle haben. Für Menschen, die insgeheim mehr von sich halten, als sie es nach außen zugeben möchten oder können. Für Menschen, die sich im Mannschaftssport schnell in alten Mustern verlieren und sich viel lieber im stundenlangen Monolog mit sich selbst befinden. Für Menschen, die nicht gerne im Mittelpunkt stehen. Laufen ist eine Form der Selbsttherapie.“
„Off Track – Passion Trailrunning“ ist kein Einstiegsbuch für Laufneulinge und auch keine taktische Anleitung für Wettkämpfe. Es ist ein Buch für Menschen, die sich bereits für Laufen oder die Berge interessieren und verstehen wollen, was jemanden antreibt, der das Laufen zum Beruf gemacht hat. Wer 45 Euro für einen Bildband ausgeben möchte, sollte wissen, dass er dafür ein wertiges, großformatiges Objekt bekommt: goldgeprägter Titel, hochwertige Papierqualität, Fotos, die dem Sport Würde geben.
Wer hingegen eine literarische Reise oder ein tiefes Innenleben-Protokoll erwartet, könnte sich fragen, ob das Buch mehr sein wollte, als es letztlich geworden ist. Kim Schreiber hat in Interviews erzählt, dass „Off Track“ eine Auftragsarbeit war. Das merkt man stellenweise in einer gewissen Ordentlichkeit der Struktur, einem Abarbeiten der Kapitel. Die Struktur und die verschiedenen Perspektiven standen von vorneherein fest. Kim Schreiber füllte den Aufbau mit Leben und brachte ihre Trailrunning-Community ins Buch. Innerhalb des gesteckten Rahmens schreibt sie mit echter Stimme.
Es ist keine Lobhudelei auf den Trailrunning-Sport und alles, was damit zusammenhängt, es klingen immer wieder auch die Kehrseiten durch. Das ist gerade in einem Sportbuch keine Selbstverständlichkeit. Ein Buch, das mehr zeigt als es verspricht – und das ist mehr, als man von einem Auftragswerk erwarten darf.
Infos zum Buch: Off Track – Passion Trailrunning
Verlag: Callwey
Autorin: Kim Schreiber
Erscheinungsdatum: 17.03.2026
Ausstattung: Gebunden mit Titelprägung
Seitenanzahl: 256
ISBN: 978-3-7667-2845-6
Preis: 45 Euro


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