Peter Breuer | Was bin ich? – Der Turmwächter von St.Peter

(von Peter Breuer)
München ist eine Zeitlupe. Ganz langsam rollt man auf den Puffer des Sackbahnhofs zu, steigt aus dem Zug und möchte in Bastian Gutmanns Taxi steigen. Er ist inzwischen im 96. Semester und seine Haare schlohweiß. Immer noch liebt er Dr. Katharina Freude und die Olympischen Sommerspiele gehen ins 43. Jahr.

Am Rindermarkt, gleich neben einem Herrgottschnitzer ist ein Café, aus dessen Schaufenster man morgens früh bei einer Tasse Kaffee einem Mann mit einem „Was bin ich?“-verdächtigen Arbeitsplatz zuschauen kann. Um kurz vor halb neun schließt er sein winziges Holzhaus auf, in dem gerade genug Platz für einen Holzstuhl mit einem platten blauen Sitzkissen ist. Von oben sorgt an heißen Sommertagen ein Ventilator für Kühlung, im Kreuz steht ein Heizstrahler für den Winter.

Der Turmwächter vom „Alten Peter“, der ältesten Pfarrkirche Münchens, muss viele Handgriffe erledigen, bevor die ersten Touristen für zwei Euro die 306 Stufen bis zur 56 Meter hohen Aussichtsplattform hinaufsteigen dürfen. Aus seinem winzigen Büro zerrt er die Verkaufstafel mit den witzigen Sprüchen, die er seitlich am Schuppen montiert. Immer wieder verschwindet er in einer benachbarten Hofeinfahrt, wo er sommers die Postkartenständer vor dem Regen unterstellt. Sorgfältig hängt er sie an der Kirchenmauer auf und justiert sie so sorgfältig, bis alle Kartenoberkanten so waagerecht sind wie der Weihwasserpegel im Kircheninneren. Schließlich vertäut er den Ständer mit den „I mog Di“ und König Ludwig-Motiven mit Blechdrähten, damit er nicht über das Kopfsteinpflaster davonrollt, kurbelt die Jalousie heraus, hängt das Schild für die Turmkasse auf und setzt sich in seinen Kabuff.

Es ist eine fixe Routine und seine Choreographie hat er in Jahrzehnten geübt. Nichts ist überhastet, Katholizismus ist schließlich kein schnelllebiges New Business, sondern ein Traditionsgeschäft.

Die einzige Frage, die ungeklärt bleibt:

Wird Meister Eder für den Pumuckl eine Kinderkarte lösen oder trägt er ihn in seiner Rocktasche auf den Turm?

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Postkartenstand vor St. Peter in München

München von oben – Der Kirchturm von St. Peter

St. Peter ist die älteste Pfarrkirche der bayrischen Landeshauptstadt und befindet sich sehr zentral in der Nähe von Marienplatz, Rathaus und Viktualienmarkt.
Vom Turm der Kirche, den die Münchner liebevoll „Alter Peter“ nennen, hat man eine beachtliche Fernsicht, die bei klarem Wetter bis zu 100 km betragen kann. An solchen Tagen ist die Sicht auf die nahen Alpen besonders beeindruckend. Etwas herausfordernd ist der Aufstieg: über 300 Stufen sind zu bewältigen.
Für einen Kirchturm verpflichtend sind natürlich die Glocken. Wer sich auf den Weg nach oben macht, kann beim Läuten zusehen. Selbstverständlich mit dem erforderlichen Sicherheitsabstand.
Wer Kirche und Turm besichtigen will, hat dazu fast täglich die Möglichkeit. Öffnungszeiten und Preise entnimmt man der Webseite oder erfragt sie beim Türmer.
Turmkasse Tel.: 089/268808
Petersplatz 1, 80331 München

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Peter Breuer
  1. Avatar

    Von 1961 bis 1995 habe ich in München gelebt. Mit der Hauptstadt des provinziellen Schulterklopfens (mir san mir!), der goldhaarigen Schicki-Mickis aus nördlichen Gebieten, denen man den größten Tort antut, wenn man ihnen den Trachtenanzug wegnimmt und der rabiaten Biersauferei habe ich nie etwas anfangen können. Auch nicht mit den Umgangsformen uriger Bayern, denen man erst einmal ans Schienbein treten muss um „a Hund“ zu werden, kam ich eher schlecht zurecht. Und das Wetter – wenn nicht Hochnebel herrschte war Föhn und man konnte nur mit Aspirin überleben. Dennoch: schöne Jahre wenn man die Augen offen hielt für solche Individuen, die aus einem Text von Karl Valentin hätten entspringen können. Ob sie wohl völlig aussterben und gänzlich durch gegeelte Versicherungsyuppies ersetzt werden? Wir wollen es nicht hoffen.
    Sehr gute Beschreibung! Danke Peter.
    Andreas Gottlieb Hempel

  2. Charis

    Das ist München. Ich freue mich über den Text.
    Danke Peter!

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