Barbara im Almkanal

Almabkehr – Salzburgs geheimnisvoller Kanal unter dem Mönchsberg

Wenn im Herbst gummistiefeltragende Salzburger und Gäste der Stadt mit feuchten Sohlen aus einer Seitentür des Friedhofs St. Peter heraustreten, tun sie das aufgeregt plaudernd und heiter. Warum? – Weil sie geradewegs aus einer anderen Welt in den Alltag zurückkehren. Sie haben ein Stück Salzburg erkundet, von dem viele nicht einmal wissen, dass es dieses Abenteuer hier zu erleben gibt. Es ist der Weg zurück aus einem mittelalterlichen Kanalsystem, dass Teile der Stadt Salzburg noch heute mit Wasser versorgt. Der Salzburger Almkanal.

„Köpfe einziehen!“, „Achtung Kante!“, „Zehenspitzen!“ – Warnend und tastend wandern wir durch den dunklen Salzburger Almkanal. Der Kopf schabt knapp vorbei am harten Fels, die Füße stehen knöcheltief oder mehr im Wasser. Einheimische sind an den mitgebrachten Gummistiefeln zu erkennen. Touristen sind meist die mit den nassen Sohlen. Aber ob als Gast oder Salzburger unterwegs: für alle ist die Almabkehr ein Abenteuer und eine Riesengaudi zugleich. 

Mit der Almabkehr auf dem Weg in Salzburgs Unterwelt

Wir, dass ist eine Gruppe von ca. zehn Personen, angeführt von Almkanalführerin Antonia. Die Studentin nimmt uns vor einem kleinen Häuschen auf der Rückseite des Mönchsbergs in Empfang, erläutert die Geschichte des Almkanals und gibt erste Instruktionen. Das Zusammenbleiben ist wichtig, Kommandos werden wie bei der stillen Post von vorn nach hinten weiter getragen. Gelaufen wird schnell, denn auf eine Gruppe folgt die nächste und gemütlich ist es im Dunkel des Tunnels sowieso nicht.

Wer in den Kanal einsteigt, braucht festes Schuhwerk, robuste Kleider, eine Stirn- oder Taschenlampe und in Zeiten der Pandemie die obligatorische Schutzmaske. Warum Antonia außerdem eine Cap mit einem Plastikeinsatz unter der Haube trägt, werden wir in Kürze am eigenen Leib erfahren.

Zustieg zum Salzburger Almkanal
Zustieg zum Salzburger Almkanal

Geschickt verzweigt: der Almhauptkanal und das Stiftsarmsystem

Der Almkanal besteht aus Almhauptkanal und Stiftsarmsystem. Letzteres ist der Bereich, in den Besucher für eine Führung einsteigen. Er besteht aus einem Hauptkanal und einigen Nebenarmen. Das insgesamt 20 Kilometer lange Almkanalsystem verzweigt sich unter der Salzburger Altstadt und mündet an vier Ausgängen in der Salzach. Der Abschnitt des Almkanals, der besichtigt wird, ist 400 Meter lang.

Die Ursprünge des Stollens sind in der Zeit zwischen dem 9. (Mühlner Arm) und 12. Jahrhundert zu finden. So früh wird mit dem Bau begonnen. Mit Spitzhacke, Hammer, Meißel und Schaufel ist der Bau für die Menschen dieser Epoche eine große Herausforderung. Das Wasser, auch in Salzburg die wichtigste Lebensgrundlage, wird dringend benötigt. Die Salzach taugt trotz ihrer Nähe nicht als Wasserlieferant. Ihr Wasser ist zu schmutzig. Gleichzeitig liegt das Flussbett niedriger als die Stadt. Ein Transport in die höheren Lagen, bedeutet einen ungünstig hohen Energieaufwand.

Zu dieser Zeit sind das Salzburger Domkapitel und der Stift St. Peter die größten Grundeigentümer der Stadt. Da der Mühlner Arm außerhalb der Stadtmauern liegt, ist ein Kappen der Wasserzufuhr von außen zu befürchten. Das mündet im 12. Jahrhundert in der Erweiterung der bis dahin noch rudimentären Anlage. Mühlen und Wasser müssen in die Stadt. Der Almkanal soll Unabhängigkeit garantieren.

Salzburgs harte Seite und eine glückliche Fügung

Die ambitionierten Pläne drohen jedoch an einem Problem zu scheitern: Sowohl Mönchsberg, als auch Festungsberg bestehen aus sehr hartem Gestein. Das ist schwer zu bearbeiten, zumindest mit den Mitteln, die zu dieser Zeit zur Verfügung stehen. Als glückliche Fügung erweist sich, dass zwischen den beiden Bergen eine weitere Gesteinsschicht existiert. Sie besteht aus Sandstein und ist somit deutlich weicher. Ein weiterer Vorteil: Die Sandsteinschicht durchläuft das vergleichsweise kürzeste Stück durch den Berg.

Die um 1137 begonnenen Grabungen führen 1143 zum Erfolg. Die Bergleute erreichen auf der Rückseite des Mönchsbergs, unserer heutigen Einstiegsstelle, das Tageslicht. Der aus Baumstämmen bestehende hölzerne Zuleitungskanal wird bis zum Untersberg erweitert. Doch auch das löst das Problem nicht, denn der Bach führt zu wenig Wasser und ist zu störanfällig. Immer wieder kommt es zu überfluteten Feldern, was die Landwirte verärgert.

Die Lösung bringt eine Verbindung zur Königsseeache, die direkt vom Königssee zuläuft. Sie löst das Problem des Wassermangels, da sie von vornherein mehr Wasser führt. Auf diesen Bauabschnitt ist auch der Name, des für die Stadt Salzburg so wichtigen Kanalsystems, zurückzuführen: die Königsseeache heißt im Volksmund „Die Alm“. Also entsteht der Begriff „Almkanal“.

Treffpunkt Surfwelle: Auch ein Teil des Salzburger Almkanals

Noch bis in die heutige Zeit ist es möglich, auch ohne einen Einstieg unter Tage, Teile des Almkanals in Salzburg zu entdecken. Wer durch Salzburg Gneis radelt und vielleicht die künstliche Surfwelle (ähnlich der Münchner Eisbachwelle) aufsucht, passiert einen überirdischen Teil des Kanalsystems. Im Sommer wird der Almkanal gern zum Schwimmen und Baden genutzt.

Viele Kanalabschnitte jedoch sind unterirdisch und kommen an Stellen zutage, an denen sie von Laien kaum als zugehörig identifiziert werden. Ein Arm leitet Wasser zur Fontäne des Residenzbrunnens. Durch den hohen Wasserdruck entstand in den Anfangsjahren eine Fontäne von sechs bis sieben Meter Höhe, was der Wasserkunst den Titel „größter Brunnen nördlich der Alpen“ einbrachte. Die Fontäne ist noch heute zu bestaunen. Sie spritzt nur nicht mehr so hoch…

Am Ende des Almkanals haben sich der Stift St. Peter und das Domkapitel eigene Abzweigungen gelegt. Der Kanal führt von dort auf unterschiedlichen Wegen durch die Stadt. Der Arm von St. Peter führt unter anderem zur Stiftsbäckerei. Dort ist noch immer ein Mühlrad aus Holz zu bestaunen.

Mit der Leiter in den Schacht: Das improvisierte Abenteuer der Almabkehr

Begeben wir uns nun unter Tage: Der Einstieg für die Almabkehr erfolgt über zehn Stufen einer Leiter in einen von außen unscheinbaren Schacht. Vorgelagerte Gitter schirmen den Eingang ab. An dieser Stelle ist der Almkanal so hoch, dass wir bequem darin stehen und ins Berginnere eintreten können.

Doch schon bald ist das Tageslicht weg. Wir laufen durch komplette Dunkelheit, nur das Leuchten unserer Stirnlampen hilft bei der Orientierung. Etwa zehn Zentimeter hohe Pfützen machen das Gehen schwer. Zumindest denen, die keine Gummistiefel tragen.

An der Decke variieren die Höhen. Mal ist sie 2,20 Meter, kurz darauf nur noch 1,20 Meter hoch. Immer wieder gibt es harte Kanten und wer nicht aufpasst, haut sich eine Beule. Jetzt ist klar, wieso Antonias Mütze dieses harte Innenleben hat.

Es wird schnell gelaufen. Der Weg ist von einem pausenlosen „Köpfe einziehen!“ begleitet. Dort, wo zu normalen Zeiten 5.500 Liter Wasser pro Sekunde durch den Stollen rauschen, ist auch der Boden uneben. Der Weg ist kurvig und verzweigt, weil an Stellen, an denen etwas einbrach, an anderer Stelle weiter gegraben wurde. Die unterschiedlichen Formen und Höhen der Decke stehen sinnbildlich für den Entstehungsprozess. Mal sind sie rund, dann wieder dominieren gotische Spitzbögen.

Spurensuche unter Tage

An einem Seitenstollen wird unser Blick auf eine dunkle Kante gelenkt. Antonia zeigt, dass sie dem normalen Wasserstand entspricht. Auch eine Jahreszahl von 1790 ist in den Fels gehauen. Sie verweist auf den dritten Einsturz des Kanalsystems und einen Neubau des Stiftarms.

Bliebe etwas mehr Zeit, man könnte weitere Jahreszahlen, versteinerte Schnecken, Stalaktiten und Stalagmiten entdecken. Wir machen kurz Halt an einem Belüftungsschacht und erreichen nach etwa einer halben Stunde den Ausgang.

Er liegt, dass wissen wir um diese Zeit noch nicht, direkt im Friedhof von St. Peter und unter der Station für die Festungsbahn. Wer diese benutzt, kann dort nachlesen, dass auch sie früher mit dem Wasser des Almkanals betrieben wurde.

Über eine weitere Leiter treten wir ins Freie. Paul Fürst, der Erfinder der Original Mozartkugel und die Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart, Maria Anna, genannt „Nannerl“,  liegen hier unter der Erde.

Für uns ist das Abenteuer beendet. Für den, dessen Interesse geweckt wurde, fängt es vielleicht erst jetzt so richtig an?

Immer wieder im August

Eine Führung durch den Almkanal kann alljährlich ab Ende August  gebucht werden. Voraussetzung ist, dass der offizielle Termin für das Ablassen des Wassers festgelegt ist. Die  Kanäle werden dann für drei Wochen trockengelegt, fachkundig inspiziert, gereinigt und instandgesetzt. Nettes „Nebenprodukt“ ist, dass Besucher so auch in den Genuss einer Besichtigung kommen.

Die Unter-Tage-Wanderung ist Erwachsenen und Kindern erlaubt. Trittsicherheit und passende Kleidung sind Voraussetzung. Außerdem ist Angst vor engen Räumen auszuschließen. Der Eintrittspreis 2021: 9 Euro.

Wer zu einer anderen Jahreszeit anreist, kann sich am unteren Ausgang der Festungsbahn eine kleine Ausstellung ansehen. Dort ist angedeutet, wie der Almkanal unter dem Mönchsberg ausschaut. Den Kopf stoßen kann man sich dort nicht.

Informationen und Kontakt zum Salzburger Almkanal

Almkanal – Lebensader Salzburgs

Und das schreiben Kolleg*innen darüber:

Babsi von Reisepsycho hat das Erlebnis in einem Artikel über Salzburgs Besonderheiten verarbeitet. Bei Claudia on tour gibt es eine weitere Schilderung des Spaziergangs. Hier aus der Sicht einer Einheimischen: Die Almabkehr, ich bin durch den Mönchsberg gegangen.
Bei Hubert vom Travellerblog findet man ein Bild, auf dem ein Schild mit „Lebensgefahr“ zu sehen ist. Aber keine Angst. Das gilt nur für Zeiten, in denen der Almkanal nicht für die Reinigungsarbeiten, die sogenannte „Almabkehr“ trocken gelegt ist. Salzburg – Kuriositäten und Sehenswürdigkeiten.

Offenlegung: Salzburg Tourismus hat mich im Rahmen einer offiziellen Recherche zu einer Führung durch den Almkanal eingeladen. Meine Meinung ist frei.

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Charis
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  1. Liebe Charis, hach, das ist jetzt eine schöne Erinnerung an den September. Eh fast unglaublich, dass das für mich als Salzburgerin eine Almkanal Premiere war. Ich schick dir viele liebe Grüße aus der Mozartkugelstadt, Claudia

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