Höher als der Himmel (Callwey, 2025) – Buchrezension von Valerie Wagner
Gerade weil die Leistungen von Frauen immer wieder übergangen und ignoriert werden, ist „Höher als der Himmel“ ein wichtiges Buch. Ein paar Beispiele:
• 2011 erreichte Gerlinde Kaltenbrunner den Gipfel des K2 und wurde die erste Frau, die alle Achttausender der Welt ohne Flaschensauerstoff bestieg.
• 1993 stand Pasang Lhamu Sherpa als erste Nepalesin auf dem Mount Everest. Catherine Destivelle erhielt 2020 als erste Frau den Piolet d’Or für ihr Lebenswerk – die höchste Auszeichnung im Bergsport, oft als „Oscar der Alpinist:innen“ bezeichnet.
• Alison Hargreaves bestieg 1995 in einer Saison den K2 und den Mount Everest. Den Everest bezwang sie ohne Sauerstoff und ohne Trägerteam. Sie plante, noch einen dritten Gipfel zu erklimmen, starb jedoch beim Abstieg vom K2.
• 1808 brach Maria Paradis alle Konventionen und erklomm den Mont Blanc. Ihre Leistung wurde als PR-Gag abgetan. Paradis, die einen Teeladen am Fuß des Berges betrieb, galt als einfache Magd. Verschiedene Berichte behaupten, ihre männlichen Begleiter hätten sie teilweise getragen. Doch selbst wenn das stimmte: Sie stand auf dem Mont Blanc – und sie ging auch selbst!
• Als Anja Blacha am 27. Mai 2025 zum dritten Mal den Mount Everest bestieg, berichteten Bergsportmagazine und zählten prompt die Männer auf, die das zuvor geschafft hatten. Bereits 2017 hatte sie als jüngste Deutsche den Everest bezwungen und alle Seven Summits erklommen.
Die Seven Summits
Als Seven Summits bezeichnet man die höchsten Gipfel der sieben Kontinente:
– Kilimandscharo (Kibo), 5.895 m (Afrika)
– Elbrus, 5.642 m (Europa)
– Mount Vinson, 4.892 m (Antarktis)
– Carstensz-Pyramide, 4.884 m (Ozeanien)
– Aconcagua, 6.961 m (Südamerika)
– Denali, 6.190 m (Nordamerika)
– Mount Everest, 8.849 m (Asien)
„Höher als der Himmel“: Eine Handvoll Memoiren mutiger Bergsteigerinnen
„Höher als der Himmel“ porträtiert beeindruckende Alpinistinnen. Autorin Joanna Croston stellt 20 Frauen und ihre Leistungen vor. Viele der porträtierten Frauen waren kaum bekannt – ein Missstand, den Croston ändern will. Im Interview mit der Outdoor-Agentur nativve erklärte sie, sie arbeite seit 18 Jahren für das Banff Mountain Film and Book Festival und habe viele Geschichten über Frauen gehört. Doch in der Literatur fehle eine umfassende Sammlung.

„Ich sagte, es gibt zwar ein paar Memoiren von Bergsteigerinnen, aber keine Sammlung ihrer Geschichten. Ich wartete darauf, dass jemand dieses Buch schreibt – bis mein Verleger meinte: ‚Dann müssen Sie es wohl selbst tun. ‘ Also tat ich es. “
Joanna Croston auf Instagram
Das Ergebnis: „Höher als der Himmel“, im Original „Mountaineering Women“. Joanna Croston leitet das Banff Centre Mountain Film and Book Festival, eines der renommiertesten Festivals für Bergkultur.
2025 fand das Festival vom 1. bis 9. November statt. Ihre Texte erschienen in Magazinen wie „Highline“, „Gripped“ und „Alpinist“. Sie ist Mitglied des Mountain Culture Committee des Alpine Club of Canada und vertritt Nordamerika in der International Alliance of Mountain Film.
Das Banff Centre, gegründet 1933 in Alberta, Kanada, fördert Kunst, Kultur und Kreativität. Das Festival würdigt die Bergkultur und inspiriert Menschen weltweit.
„Höher als der Himmel“ erschien im September 2025 im Callwey Verlag
Autorin: Joanna Croston
Illustration: Tessa Lyons (160 Zeichnungen)
256 Seiten
ISBN: 978-3-7667-2810-4
20 Porträts von Pionierinnen im Bergsport
Helga Hengge, Journalistin, Autorin und Extrembergsteigerin, schrieb das Vorwort für „Höher als der Himmel“. 1999 bestieg sie als erste deutsche Frau den Mount Everest und kehrte sicher zurück. Sie bezwang auch die Seven Summits. Heute lebt sie in Grünwald bei München und arbeitet als Keynote-Speakerin und Autorin.

Bergsport-Pionierinnen auf dem Mount Everest
Deutsche Bergsteigerinnen:
– Hannelore Schmatz (1979): erste Deutsche auf dem Gipfel, starb beim Abstieg
– Helga Hengge (1999): erste Deutsche mit sicherem Auf- und Abstieg
– Anja Blacha (2017): jüngste Deutsche auf dem Everest, 2025 ohne Flaschensauerstoff
Internationale Bergsteigerinnen:
– Junko Tabei (Japan, 1975): erste Frau auf dem Everest
– Lydia Bradey (Neuseeland, 1988): erste Frau ohne zusätzlichen Sauerstoff
– Lhakpa Sherpa (Nepal, 2000): erste Nepalesin auf dem Everest, Rekordhalterin mit neun Besteigungen
Hunderte Frauen haben den Everest bestiegen, doch diese gehören zu den bemerkenswertesten Pionierinnen.

Die Geschichte des Frauenbergsteigens
Nandini Purandare schrieb die Einleitung. Sie beleuchtet die Geschichte der Alpinistinnen von den ersten Pionierinnen im 19. Jahrhundert bis heute.
Nandini Purandare ist Herausgeberin des Himalayan Journal und eine weltweit anerkannte Expertin für den Himalaya. Mit einem Hintergrund in Wirtschaftswissenschaften hat sie für verschiedene Organisationen als Beraterin gearbeitet und ist begeisterte Trekkerin und Leserin von Bergsteigerliteratur. Weitere Informationen: himalayanclub. org.
Im 19. Jahrhundert galten Frauen als ungeeignet für den Bergsport. Maria Paradis bestieg 1808 den Mont Blanc, Henriette d’Angeville folgte 1838. Doch ihre Leistungen wurden oft ignoriert. Lucy Walker erklomm 1871 das Matterhorn, der Chronist erwähnte sie nicht.
Purandare schreibt über den Ladies’ Alpine Club (LAC). Das war ein britischer Alpin-Verein für Frauen, der 1907 in London von Elizabeth Le Blond gegründet wurde, nachdem der männlich dominierte Alpine Club Frauen keine Mitgliedschaft erlaubte. Der Club wuchs auf rund 50 Mitglieder, darunter prominente Alpinistinnen wie Katharine Richardson und Lucy Walker, und führte ein strenges Aufnahmeverfahren mit klimatischen, wissenschaftlichen oder literarischen Leistungen vorausgesetzt. 1975 ging der LAC in den Alpine Club auf, nachdem dieser 1974 endlich auch Frauen aufnahm.
Purandare erinnert auch an unsichtbare Heldinnen wie Ani Daku, eine Sherpa-Frau, die westliche Expeditionen unterstützte. Pasang Lhamu Sherpa wurde 1993 die erste Nepalesin auf dem Everest und ist auch im Buch porträtiert.
Die Botschaft: Frauen im Bergsport verdienen Anerkennung – bis separate Ehrungen überflüssig werden.
Alison Hargreaves: Sechs Nordwände in einer Saison
Besonders beeindruckt hat mich das Porträt über die Schottin Alison Hargreaves (1962–1995). Sie gehörte zu den besten Alpinistinnen ihrer Zeit. 1993 durchstieg sie alle großen Nordwände der Alpen solo: Grandes Jorasses, Matterhorn, Eiger, Piz Badile, Petit Dru und Cima Grande di Lavaredo.
Hargreaves kämpfte mit finanziellen Nöten. Nach dem Zusammenbruch des Geschäfts ihres Mannes musste sie als Bergsteigerin den Lebensunterhalt verdienen. Trotz Kritik und Hindernissen verfolgte sie ihre Ziele. Im fünften Schwangerschaftsmonat bestieg sie die Eiger-Nordwand (3.967 m). Die Medien empörten sich, doch Hargreaves konterte mit Humor: Sie habe auf den Denali – 6.190 m – verzichtet, um konservativ zu bleiben.
Viele zweifelten ihre Leistungen an. Kritiker warfen ihr vor, nicht die klassischen Routen gewählt zu haben. Doch ihre Erfolge waren beispiellos. Jahrzehnte später begann die Klettergemeinschaft, sie zu würdigen.
Hargreaves’ Geschichte zeigt die Doppelmoral im Alpinismus: Kletternde Mütter wurden kritisiert, Väter nicht. Heute gilt sie als Pionierin, die ihren Platz in den Geschichtsbüchern verdient hat.

Joanna Croston macht in „Höher als der Himmel“ weibliche Leistungen sichtbar
Ob an den windgepeitschten Gipfeln der Rockies oder in den stillen Tälern des Himalaya, Frauen haben in der Geschichte des Bergsteigens Großes geleistet und wurden lange übersehen. Die kanadische Autorin und Bergsteigerin Joanna Croston hat mit ihrem Buch „Höher als der Himmel“ (engl. Mountaineering Women: Climbing Through History) diese Geschichten neu erzählt. Kraftvoll, ehrlich und inspirierend.
Wir konnten im Interview mit Joanna Croston über persönliche Risikotoleranz, die anhaltende Kritik an kletternden Müttern und darüber, warum Frauen in der Outdoor-Branche noch immer um Gleichberechtigung kämpfen müssen, sprechen. Ein Gespräch über Mut, Vorbilder und die Frage, was sich in den nächsten zehn Jahren im Frauenbergsport ändern muss.
In Ihrem Buch erzählen Sie die Geschichten vieler Frauen, die extremen Risiken ausgesetzt waren. Gab es während Ihrer Recherchen Momente, in denen Sie Ihre eigene Wahrnehmung von Risiko verändert haben?
Beim Klettern und Bergsteigen spielt Risiko immer eine Rolle. Während der Arbeit an meinem Buch habe ich gelernt, dass jeder Mensch eine andere Toleranz dafür hat. Manche Frauen sind bereit, größere Gefahren einzugehen als andere. Besonders Mutterschaft beeinflusst diese Haltung stark. Noch entscheidender ist jedoch, dass die Gesellschaft kletternde Mütter oft als unverantwortlich wahrnimmt, weil sie sich Risiken aussetzen. Durch meine Recherchen habe ich nicht nur die Vielfalt der Risikobereitschaft besser verstanden, sondern auch meine eigene Haltung dazu hinterfragt.
Wenn Sie heute auf all diese Geschichten zurückblicken, welche Porträts haben Sie am meisten berührt – und gibt es eine Protagonistin, mit der Sie sich intensiver beschäftigen würden?
Junko Tabei war die erste Frau auf dem Mount Everest und hat den Weg für viele Kletterinnen geebnet. Ihre Geschichte war eine der ersten, die ich hörte, als ich mit dem Klettern begann, und es war inspirierend, sie für das Buch erneut zu beleuchten. Auch Lynn Hill war in meinen frühen Klettertagen ein großes Vorbild. Als sie sich bereit erklärte, an dem Buch mitzuarbeiten, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Auch heute noch zählt sie zu den besten Kletterern unserer Generation, unabhängig vom Geschlecht.
Viele der Frauen, die Sie vorstellen, waren aktiv, als die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen noch ganz anders waren. Welche Parallelen sehen Sie zur heutigen Situation – etwa für junge Bergsteigerinnen oder in der Outdoor-Branche?
Die Outdoor-Branche hat in den letzten zehn Jahren Fortschritte gemacht, doch der Weg zur Gleichstellung ist noch lang. Immer mehr Frauen erscheinen in Werbekampagnen, und Marken entwickeln spezielle Ausrüstungslinien für sie. Dennoch stehen kletternde Mütter weiterhin in der Kritik, während Väter, die klettern, kaum hinterfragt werden. Diese Doppelmoral hat sich seit den 1980er- und 1990er-Jahren kaum verändert.
In Ihrem Buch stellen Sie Frauen aus vielen Ländern vor – von Europa bis Asien und Südamerika. Gab es ein Land oder eine Kultur, deren Geschichte des weiblichen Bergsteigens Sie besonders überrascht hat?
Die Geschichte von Wasfia Nazreen aus Bangladesch hat mich beeindruckt. Sie hat die gesellschaftlichen Normen ihres Landes durchbrochen, indem sie nicht nur kletterte, sondern auch für Frauenrechte kämpfte. Trotz zahlreicher Hindernisse wurde sie nach ihrer Rückkehr vom Everest und dem Besteigen der Seven Summits zur Nationalheldin. Ihre Entschlossenheit hat mich tief bewegt.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken, welche Veränderungen wünschen Sie sich im Bereich Frauen und Bergsteigen?
Die Veränderungen, die ich mir wünsche, nehmen langsam Gestalt an. Immer mehr Klettergruppen und Workshops speziell für Frauen entstehen. Einige der Frauen aus meinem Buch, wie Sarah Hueniken und Hazel Findlay, bieten Trainingscamps an, in denen Frauen untereinander sicherer lernen. Als ich mit dem Klettern begann, gab es kaum weibliche Vorbilder. Heute gibt es viele beeindruckende Frauen, die anderen den Weg ebnen.
Mit Blick auf die deutschsprachigen Leser: Gibt es Bergsteigerinnen oder Geschichten aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz, die Sie in eine mögliche Fortsetzung aufnehmen würden?
In meinem Buch kommen bereits drei deutschsprachige Frauen vor: Ines Papert aus Deutschland, Gerlinde Kaltenbrunner aus Österreich und Tamara Lunger aus Tirol. Besonders interessieren mich die frühen Schweizer Pionierinnen, auf die ich bei meinen Recherchen für die Zeitleiste am Ende des Buches gestoßen bin. Auch Nina Caprez steht auf meiner Liste – es wäre spannend, mehr über sie zu erfahren.
Wenn Sie eine der Frauen aus dem Buch persönlich begleiten könnten, wer wäre das und wohin würden Sie gehen?
Ich würde gerne mit Lydia Bradey in den kanadischen Rocky Mountains klettern und Ski fahren. Sie hat eine großartige Persönlichkeit, und es wäre eine Freude, Zeit mit ihr zu verbringen. Seit der Arbeit an meinem Buch sind wir Freunde geworden, und sie ist weiterhin als Bergführerin aktiv.
Identität, Mut und die Liebe zu den Bergen
Dieses Buch ist für alle Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität Diskriminierung erfahren.
Es erinnert uns daran, dass wir mit unseren Leistungen, Können, Talent, Wissen und Expertentum nicht hinterm Berg halten müssen, sondern aufrecht, mutig und laut zu uns stehen müssen. Das wir aussprechen müssen, was wir können. Das wir aufschreiben müssen, worin wir gut sind. Das wir sichtbar sein müssen, um Anerkennung zu erhalten.
Solange bis die Gesellschaft verstanden hat, das wir gleichberechtigt sind – und es im Bergsport nicht um Geschlechter geht, sondern um die Faszination der Berge.

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Das klingt nach einem unglaublich wichtigen und inspirierenden Buch! Die Rezension hat mich tief beeindruckt.
Es ist erschreckend, wie oft die monumentalen Leistungen von Pionierinnen wie Maria Paradis oder Gerlinde Kaltenbrunner ignoriert oder herabgespielt wurden. Joanna Crostons Sammlung ist ein längst überfälliges Werk, um diese starken Frauen und ihre Geschichten sichtbar zu machen.
Besonders das Porträt von Alison Hargreaves und die Kritik an kletternden Müttern zeigt die anhaltende Doppelmoral. Ein Buch, das nicht nur fesselt, sondern auch aufrüttelt!
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