Tierser Alpl mit rotem Dach

Wandern und Architektur: Über die Rosszahnscharte zum Tierser Alpl

Aus Bergen und Architektur lässt sich ein Elixier mischen, das auf Lebenszeit süchtig macht. Ein Beispiel dafür ist das Tierser Alpl im Naturpark Schlern-Rosengarten. Wer den steilen Anstieg über die Rosszahnscharte (2.500 m) nicht scheut, wird mit einem kulinarischen und gestalterischen Bergerlebnis belohnt.

Das Schutzhaus Tierser Alpl liegt auf 2.440 Metern über dem Meer in den Südtiroler Dolomiten. An einem Platz, an dem sich viele Wege kreuzen. Wer hierher kommt, dem stehen Wege in alle Himmelsrichtungen offen. Zum Schlern, zu Lang- und Plattkofel, zurück zur Seiser Alm oder auch zum Rosengarten.

Doch „Stopp!“ – Das Haus hat eine ungewöhnliche Geschichte. Eine Rast an diesem Ort lohnt aus vielerlei Gründen: .

Auf der Wanderung
Auf der Wanderung – Berge so weit das Auge reicht, immer wieder malerisch in Wolken gehüllt oder bizarr vor blauem Himmel.

Mann in den Bergen: Max Aichner erbaut das Tierser Alpl

Den Grundstein für die weithin sichtbare, imposante Alpenhütte Tierser Alpl legt der Großvater der heutigen Besitzer: Max Aichner. In den 50ger Jahren beschließt der Bergführer seinen Lebensmittelpunkt in die Berge zu verlegen. Angespannte wirtschaftliche Verhältnisse und die Liebe zur Heimat lassen den jungen Mann Unglaubliches vollbringen. Nach einer Idee seines Bruders Franz kauft er der Gemeinde Tiers ein 200 Quadratmetern großes Stück Land ab. In unwirtlicher Umgebung auf fast 2.500 Metern plant er ein Schutzhaus zu errichten. Mit purer Manneskraft schleppt er über das Tschamintal die nötigen Werkzeuge und einige Baustoffe hinauf. Eine hölzerne Schubkarre, eine Schaufel und ein Pickel: so berichten es die heutigen Inhaber. Dass sich Holz in den Bergen am einfachsten transportieren lässt, ist noch heute in der Struktur des Hauses erkennbar. Aus dem Material was er vor Ort vorfindet, brennt er Ziegel.

Wer den Spuren von Max Aichner folgen will: als Weg Nr. 3 ist heute eine Tour über Tschamintal und Bärenloch in 3,5 Stunden zu bewältigen.

1963 – Am Tierser Alpl beginnt eine neue Epoche

Bis zu diesem Zeitpunkt fast allein der Gewalt der Natur ausgeliefert, vollendet er in mühevoller Arbeit 1963 sein Werk. Nach fünf Jahren Bauzeit, weiht er das Tierser Alpl als Schutzhaus in den Bergen ein. Auf diese Ursprünge geht die Farbe des Daches zurück, die die markante Ansicht der Hütte bis in die heutige Zeit prägt. Trotzdem gibt es Unterschiede. Das Dach war damals noch sehr viel niedriger als heute.

Die Anfänge für das „Bauen am Berg“ gehen Hand in Hand mit dem Beginn des Alpinismus. Geologen und Geographen bauten sich einfache Unterstände aus Stein und verfügbarem Material gegen Wetter und Natur. Daraus entwickelte sich letztlich der Tourismus in den Bergen, der später durch den Alpenverein reglementiert wird. Die Begründung: Die Erschließung der Alpen sei abgeschlossen.

Durch das Erstarken des Bergtourismus kommen immer mehr wanderfreudige Besucher in die Region. Max Aichner setzt seine Arbeit als Bergführer fort, inzwischen unterstützt durch seine Frau Laura. Ihr ist der 1986 eröffnete Laurenzi-Klettersteig gewidmet. Einen weiteren, den Maximilian-Klettersteig hatte Aichner bereits 1969 in Betrieb genommen.

Von nun an floriert das Geschäft. Das Schutzhaus, von Hand erbaut, wird erweitert und verbessert. Immer trägt es es das signifikante Dach, wie eine weithin sichtbare rote Haube. Nur einmal, mit dem Bau der Kapelle gibt es eine kurze Unterbrechung.

2013 – Modernisierung

Im Jahr 2012 kommt es zu statischen Problemen. Es fällt so viel Schnee, dass das Dach abgestützt werden muss. Da die Leitung der Hütte inzwischen bereits an die dritte Generation übergeben ist, entschließt man sich 2013 zum Umbau. Die Struktur des Tierser Alpl soll erhalten, Technik und Innenausbau jedoch modernen Maßstäben angepasst werden. Dafür werden die Südtiroler Architekten Senoner Tammerle aus Kastelruth engagiert. Sie sind auf das Bauen am Berg spezialisiert. Als Einheimische sind sie mit den besonderen Bedingungen der Region vertraut.

Durch Modifikation des Vorhandenen entsteht ein modernes Schutzhaus für 120 Gäste, das auf den ursprünglichen Grundmauern ruht. Und auch wenn Pächter und Architekt sich nicht in allen Punkten einig sind (die Architekten würden gern das ganze Haus rot anstreichen), sagt Hüttenwirt Stefan Perathoner später: „Der Umbau erleichtert die Arbeit am Berg“

Während man früher unter dem Dach nicht stehen konnte, werden beim Umbau raumspendende Gauben eingebaut. Es entstehen komfortable 2- und 4-Bettzimmer mit eigenen Waschgelegenheiten (welch Luxus in einer Hütte!). Die Abwasseranlage ist modernisiert und transportiert das Altwasser bis Bozen. Auch die große Gaststube, die nun ohne jegliche Stützen im Innenbereich über einhundert Gästen Platz bietet, ist ein Gewinn.

Zum Essen bleiben!

Da die Hütte von der Seiser Alm in einer zwar fordernden, aber zeitlich überschaubaren Wanderung zu erreichen ist, lohnt sich ein Besuch selbst ohne Übernachtung. Wer bei schönem Wetter kommt, kann auf der sonnenüberfluteten Terrasse vor dem Haus Platz nehmen und die Aussicht genießen. Das Essen schmeckt fantastisch. Von der Brotzeit über Knödel und Gulasch bis zu wunderbaren Südtiroler Strudeln wird eine variantenreiche und regional angepasste Küche serviert.

2015 – Tourismus Architekturpreis für das Tierser Alpl

Im Jahr 2015 gewinnt das Schutzhaus den Tourismus Architekturpreis der Architekturstiftung Südtirol. Seine Anziehungskraft ist bis heute ungebrochen.

Schutzhaus Tierser Alpl

www.tierseralpl.com

Architekten Senoner und Tammerle
www.senonertammerle.it/d_tierseralpl.html

Wanderung auf der Seiser Alm
Wanderung auf der Seiser Alm

So kommt man hin – Wanderung zum Tierser Alpl

Die Wanderung beginnt in Kompatsch am Westrand der Seiser Alm (1870 m). Wir haben den Sessellift zum Hotel Panorama am sogenannten Joch genommen. Von dort aus wandert man auf Holzstegen zunächst sehr bequem und ohne große Anstrengung über die malerische Seiser Alm. Wunderschöne Landschaft!

An den Hängen des Grunser Bühels und des Goldknopfs geht es dann bergauf zum Fuß der Rosszahnscharte. Die bequemen, von Wiesen gesäumten, Wanderwege enden und es geht in steilen Serpentinen über Geröll empor. Dieser Teil der Wanderung ist kräftezehrend und sollte nur mit viel Wasser, festem Schuhwerk und möglichst nicht in praller Sonne unternommen werden.

Angekommen an der Rosszahnscharte (2499 m) entfaltet sich ein traumhafter Panoramablick auf die Dolomiten. Kurz anhalten. Genießen. Von hier ist es nur noch ein kurzes Stück bis zum Tierser Alpl. Man biegt hinter der Rosszahnscharte nach rechts ab und erreicht in wenigen Minuten das Schutzhaus.

Bitte beachten: Das Tierser Alpl ist nur in den Sommermonaten geöffnet. Wer übernachten will, sollte vorher buchen.

Länge der Wanderung: ein Weg ca. 2, 5 Stunden je nach Kondition auch länger.

Der Abstieg kann über den gleichen Weg erfolgen. Auf der Internetseite der Hütte stehen Alternativen.

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Charis
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